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papierfiguren / Schreiben am Netz
Das Projekt »papierfiguren / Schreiben am Netz« war kein Roman. Auf den Seiten des Literaturhaus Bremen erzählte es die Geschichte eines Romans. Bruchstückhaft, hüpfend, nach vorne stolpernd. Die »papierfiguren«, die für einige Zeit die Räume und Gänge des Literaturhauses bevölkerten, waren gewissermaßen die Assistenten des Autors. Gemeinsam mit ihm suchten sie Material, sammelten und ordneten es.
Exklusiv für das Literaturhaus Bremen und seine Besucherinnen und Besucher entstand eine dokumentarisch-fiktionale Arbeit. Sie handelte davon, wie sich in wirklichen oder gedachten Kellergewölben, unter wirklichem oder gedachtem Staub Geschichten finden lassen. Sie zu erzählen war, wie wenn man ein Buch zur Hand nimmt, den Staub herunterpustet und darunter einen Titel findet.
"papierfiguren"
Das Schöne, mitunter auch Bedrängende an Biographien ist: Jeder hat eine. Die meisten werden schlicht gelebt, einige werden aufgeschrieben. Manchmal von den Lebenden selbst, manchmal von anderen, die zur gleichen Zeit gelebt haben oder erst sehr viel später. Auch der Roman, dessen Geschichte von und mit den »papierfiguren« erzählt wird, handelt von einer solchen Biographie. Dieses Leben aber ist dem, der es gelebt hat, gleich doppelt abhanden gekommen. Weil die Erinnerungen sich verflüchtigen. Weil der autobiographische Text, der sich dieser Verflüchtigung entgegen stemmt, zwar irgendwann gefunden wird, sich dann aber seinerseits aus dem Staub macht. Auch wenn vielleicht nur ein Windstoß den Papierstapel von jenem Schreibtisch im 16. Stockwerk eines Bürohauses geweht hat, auf dem das Manuskript zuletzt gesehen wurde.
Beinahe in Hitchcock's Manier bleibt das, was alles am laufen hält, notwendig verborgen. Das komplette Manuskript taucht niemals auf. Auch der Schreiber bleibt unauffindbar. Zu dem Zeitpunkt, da die Alternative entweder aufzugeben oder das Erzählfragment anonym zu publizieren im Raum steht, ist es bereits keine Alternative mehr. Ein Mann mit Hut und eine Frau, die in einem kleinen Verlagshaus arbeitet, machen sich auf die Suche. Ebenso wie den Selberlebensbeschreiber können wir eine Liebesgeschichte hinter den Texten nur erahnen. Der Roman funktioniert ein wenig wie ein altes Puzzle, das wir sehr unvollständig und ohne Originalverpackung auf einem Dachboden finden. Wir beginnen die Teile zusammenzusetzen, in der Hoffnung, uns schließlich doch ein Bild machen zu können. Und wenn wir am Ende ein Schloss, ein Segelschiff, einen Korb mit Kätzchen oder den berühmten Hund, der neugierig in den Trichter eines Grammophons schaut, vor uns sehen, an vielen Stellen vom groben Leinenstoff der Tischdecke durchschienen, wundern wir uns. Denn wir können uns nicht erinnern, dass in dem Haus, auf dessen Dachboden wir die Teile gefunden haben, irgendwann jemand gelebt hat, der sich für Schlösser, Segelschiffe und Kätzchen, für Schallplatten oder Puzzlespiele interessiert hätte...
Der Romantext besteht aus kleinen Bruchstücken verschiedener Textsorten: Telefonnotizen, Briefen, halben Typoskriptseiten, vom Piepton des Anrufaufzeichners unterbrochenen Nachrichten, Einkaufszetteln, Seiten aus Adressbüchern, verschluckten oder überdeutlich betonten Fragezeichen am Ende privater oder geschäftlicher Sätze, handschriftlichen Anmerkungen an den Rändern von Buchseiten, E-Mails, ausgeblichenen Reklamesendungen, Wörtern und Zeichen auf Stadtplänen, ausgesprochenen und gedachten Sätzen, Beschriftungen alter Fotoalben, schwer zu entziffernden Postkarten aus Wisconsin etc. Die Reihenfolge ihres Auftauchens im Text entspricht nicht immer der Chronologie. Wie zuverlässig das Material ist, das uns zur Verfügung steht, hängt stark davon ab, wer es uns eigentlich präsentiert.
"papierfiguren" im Lesegarten der Zentralbibliothek
In Lesetexten, einem Gespräch und einer Text-Klang-Inmprovisation stellte das Literaturhaus Bremen sich, seinen "writer-in residence" Tim Schomacker und das gemeiname Projekt "papierfiguren" im Lesegarten der Zentralbibliothek vor.
Nils Gerold: Bassklarinette Reinhart Hammerschmidt: Kontrabass Tim Schomacker: Text, Stimme Silke Behl: Moderation
Häufig gestellte Fragen
Was sind »papierfiguren«?
Sie sind meine Assistenten. Zunächst bestehen sie aus nur wenigen Informationen. Wie ein Eintrag in einem nur wenig umfangreichen Lexikon. Mit der Zeit entwickeln sie eine Art Eigenleben. So halten sie den Schreibprozess in Gang. Sie beginnen, mich unter Druck zu setzen, weil: je deutlicher sie an Kontur gewinnen, desto mehr muss man aufpassen, was man ihnen unterschieben kann.
Woher kommen die »papierfiguren«?
Jede Figur repräsentiert bestimmt Stichworte: Comic, Identität, Musik. Zusammengenommen ergibt das eine Art Karte meiner Arbeitsfelder. Wobei es da weniger um Stichworte geht, als um den Versuch, Ideen, Skizzen, Lektüren usw. zu sortieren.
Wie findet man die »papierfiguren«?
Sie sind Bewohner des Literaturhauses, wie alle anderen auch. Einige leben hier, andere sind nur als Gäste in der Stadt. Man stößt auf sie, wie man auf einen Autor oder eine Autorin stoßen würde, deren Namen man noch nie gehört hat. Die Seiten der »papierfiguren« sind aber auch untereinander verbunden. In dem kleinen Text auf der Seite zum »Literaturort: papierfiguren« sind alle, die bisher im Netz stehen als Link versteckt. Dazu gibt es zahlreiche Hinweise und Verbindungen auf meiner Autorenseite.
Gibt es einen Zeitplan für das Projekt?
Sicher. Momentan stehen vier Figuren im Netz. Das ist die Basisstruktur. Es gehört zu diesem Projekt, dass es sich langsam entwickelt, dass ständig etwas dazukommt. Die Biografien der Figuren sollen langsam wuchern und ihre Seiten einander durchdringen. Bis Anfang Mai kommen noch mindestens drei weitere Figuren hinzu. Dann ist das Netz fertig geknüpft. Bis in den Sommer wird der Austausch zwischen den Figuren intensiviert und die Texte werden näher an den Roman heranrücken.
Warum haben Sie sich für diese Form entschieden? Gibt es Vorbilder?
Die Ausgangsfrage war: Wie dokumentiert man die Arbeit an einem Roman auf den Seiten des Literaturhauses? Ein Buch ist offenkundig etwas anderes als eine Website. Mir ist es nie darum gegangen, einen ›Internet-Roman‹ zu schreiben, weder inhaltlich noch formal. Es wurde in den letzten Jahren viel über »Hyper-Texte« und ähnliche Strukturen geredet. Das ist sicherlich nicht falsch. Nur vergisst man leicht, dass derlei Formen nicht mit dem Internet entstanden sind. Was ist denn eine Bibliothek z.B. anderes als ein »Hyper-Text«? Oder die Sammlung der Lebens-Geschichten in Perecs »Leben. Gebrauchsanweisung«? Auch in einem ganz einfachen Handlexikon, einbändig, gekauft im Supermarkt, gibt es Verweise und keine von vornherein vorgegebene Leserichtung. Dieser Roman - wenn man das denn so nennen will - war und ist in Richtung Buch gedacht. Mal abgesehen davon, dass es strategisch ebenso ungünstig ist, unfertige Texte ins Netz zu stellen wie solche Passagen, die im Buch auftauchen werden, musste eine andere Form her. Den Umweg über Kunstfiguren zu gehen, erschien praktikabel. Zumal es in dem Buch auch darum geht, wie sich in einer Mixtur unterschiedlicher Textformen eine Geschichte zugleich verbergen und erzählen lässt. Vorbilder? Ich habe, ehrlich gesagt, nicht danach geschaut, ob wer seine Arbeit dergestalt dokumentiert. Das spielt, denke ich, auch keine entscheidende Rolle. Als schreibender Leser muss man ja dauernd etwas nach-lesen. Carlyle hat in den 1830er Jahren einen Roman geschrieben, der als Übersetzung eines kulturwissenschaftlichen Werks daherkommt. Da gab's den Begriff ›Kulturwissenschaft‹ noch lange nicht. H.G. Wells' »The Shape of Things To Come« macht etwas ähnliches. Das Buch erschien 1933. Und die Liste der Autoren, die sich als Herausgeber, zufällige Finder usw. tarnen, ist ebenso lang wie prominent. Es hat etwas von Hase und Igel.
Legt Ihre Arbeitsweise nicht trotzdem nahe, dass Sie reihenweise Zitate in Ihre Texte einbauen oder sich bei anderen Texten bedienen?
...wie nicht, das wollte ich damit sagen. Aber gut - spielen wir eine Runde ›Spot the Sample‹: Georges Perec, Jean Paul, Italo Calvino, Derek Jarman, Paul Auster, Leonardo da Vinci, Arno Schmidt, Gerhard Richter, Roberto Bolano, Ellery Eskelin, Ror Wolf, Jorge Luis Borges, Thomas Kling... mehr fallen mir im Moment nicht ein...
Wäre es nicht einfacher, ein Arbeitsjournal zu schreiben? Und übersichtlicher?
Wahrscheinlich wäre es das. Aber auch langweiliger. Zumindest in meinem Fall. Außerdem interessiert mich der Blick auf den Alltag des Schreibenden nicht sonderlich. Genau wie ich in Texten nicht lesen möchte, wann wer die erste Dose Fanta getrunken hat oder warum die Waschbetonplatten der Kindheit nach einem Sommerregen grauer sind als sonst. In dieser Form kann man viel mehr ausprobieren. Man kann auch leichter etwas behaupten, eine Setzung machen, um dann von einem ganz anderen Punkt weiter schreiben zu können.
Mal ehrlich: Hätten Sie einige der Bücher in den Veröffentlichungslisten der »papierfiguren« nicht gerne selbst geschrieben?
Möglicherweise wirkt das anmaßend. Aber nur, weil es um Bücher geht, in einer Menge, die man selbst nie auf der eigenen Veröffentlichungsliste haben wird. Andererseits: Wenn die Erfindung eines Fernrohr oder eines neuen Tanzes einen guten Stoff abgibt und man sich in eine solche Entstehungsgeschichte erzählerisch hineinbegibt, bedeutet das ja auch nicht, dass man sich selbst eine derartige Erfindung zutraut. Genausowenig wie man Meteorologe sein muss um ein Stück Himmel zu beschreiben. Worum ich die »papierfiguren« aber beneide ist, dass sie Zeit haben, sich mit einer Menge Dinge zu beschäftigen. Während sie sich dauernd mit Buchillustrationen oder Film beschäftigen, kommt das bei mir nur am Rande vor. Aber auch hier lasse ich mich gerne von ihnen überzeugen. So ist nicht ausgeschlossen, dass, was hier ein Titel ist mit einem Buchcover und ein wenig Begleittext, irgendwann zu einer Erzählung wird. Aber nicht bei allen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob mir alle Texte überhaupt gefallen würden. Eine Nach-Geschichte alter Handelsstraßen zu schreiben beispielsweise, interessiert mich überhaupt nicht. Da bin ich froh, dass das Rasmus Müller macht. Der ist schließlich in einer Kleinstadt aufgewachsen, in der sich solche Spuren vielleicht finden ließen.
papierfiguren / Schreiben am Netz
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papierfiguren / Schreiben am Netz wurde im Rahmen des Projektes "writer in residence" vom Literaturhaus Bremen realisiert.
Wir danken dem Senator für Kultur für die freundliche Unterstützung.
Text + Idee:
Tim Schomacker
Redaktion:
Heike Müller
Bildmaterial:
Reinhart Hammerschmidt, Katharina Höcker, Anibal Pella, Jan van Hasselt, Thomas Vestweber
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> rasmus.mueller@web.de
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